Regulatorischer Hintergrund

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat überarbeitete Leitlinien zur Bewertung von Lebensmittelzusatzstoffen gemäß Verordnung (EG) Nr. 1333/2008 verabschiedet. Die neuen Anforderungen treten am 20. Juli 2026 in Kraft.

Betroffen sind:

  • Alle neuen Anträge auf Zulassung von Lebensmittelzusatzstoffen
  • Anträge auf Änderung bestehender Spezifikationen
  • Anträge auf Erweiterung bestehender Verwendungszwecke (Line Extensions)

Bestehende, bereits genehmigte Zusatzstoffe sind von den neuen Anforderungen nicht betroffen.

Quellen: Bird & Bird Legal Analysis EFSA 2026, CIRS Group EFSA Guidance Update

Neue Pflichtanforderungen ab 20. Juli 2026

1. Expositionsmodellierung mit EFSA-Tools (Pflicht)

Ab dem Stichtag ist die Nutzung folgender EFSA-Tools für die Expositionsabschätzung verpflichtend:

  • FAIM (Food Additives Intake Model): Standardisiertes Modell für die chronische Expositionsabschätzung; berücksichtigt Verzehrsdaten aus europäischen Ernährungserhebungen
  • DietEx (Dietary Exposure Tool): Akutexpositions-Abschätzung für Zusatzstoffe mit kurzfristigen Risikoprofilbedenken

Eigene, unternehmensseitige Expositionsmodellierungen werden als alleinige Grundlage nicht mehr akzeptiert.

2. Erhöhte Evidenzanforderungen für Produktionsverfahren-Disclosure

Antragsteller müssen detailliertere Angaben zu Herstellungsverfahren, Reinheitsgrad und möglichen Verunreinigungsprofilen des beantragten Zusatzstoffs liefern. Dies betrifft insbesondere:

  • Synthese- oder Extraktionsrouten
  • Lösungsmittelrückstände
  • Mikrobiologische Verunreinigungsprofile

Betroffene Produktkategorien für Fleischverarbeiter

Direkt betroffen sind Verarbeiter, die aktuell neue Dossiers in folgenden Kategorien in der Pipeline haben:

Kategorie Beispiele Risiko
Antimikrobielle Substanzen Neue organische Säuren, Bacteriocin-Präparate Hoch — lange EFSA-Prüfzeiten
Natürliche Farbstoffe Capsanthin-Alternativquellen, Annatto-Isolate Mittel — Quellen-Disclosure
Nicht-phosphatbasierte Pökelkonzepte Kaliumlactat-Kombinationen, nitritfreie Systeme Hoch — neuartige Wirkprofile
Texturiermittel / neue Hydrokolloide Gellan-Gum neue Quellen, modifizierte Stärken Mittel

Handlungsempfehlungen nach Dringlichkeit

Sofort (vor 20. Juli 2026):

  1. Dossier-Inventur: Welche Zulassungsanträge befinden sich aktuell in Vorbereitung oder im Review-Prozess?
  2. EFSA-Dossiers vor dem Stichtag einreichen: Dossiers, die unter den alten Anforderungen vorbereitet wurden, müssen vor dem 20. Juli eingereicht werden, um unter dem alten Regime bewertet zu werden
  3. FAIM/DietEx-Daten validieren: Sicherstellen, dass die Expositionsmodellierung in laufenden Dossiers mit den EFSA-Tools kompatibel ist

Nach dem Stichtag:

  1. Neue Dossier-Templates für alle künftigen Anträge anpassen
  2. Analytik-Pakete für Herstellungsverfahren-Disclosure erweitern
  3. Zeitplanung anpassen: EFSA-Prüfzeiten werden für neue Dossiers unter erhöhten Anforderungen voraussichtlich länger

Strategischer Ausblick

Die neuen Anforderungen erhöhen die Eintrittsbarriere für neue Lebensmittelzusatzstoffe erheblich. Für Fleischverarbeiter, die auf proprietary Additive-Systeme oder innovative Pökelkonzepte setzen, empfiehlt sich eine frühzeitige regulatorische Strategie — idealerweise unter Einbindung von Regulatory-Affairs-Spezialisten mit EFSA-Erfahrung.